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B & S Küchentreff

Die Wirt­schafts­wunder­küche

Mettigel und Toast Hawaii.

Die Wirtschaftswunderküche

Im Nachkriegsdeutschland diktierte Mangel die Speisekarte. Landwirtschaft und Lebensmittelbetriebe waren in einem desolaten Zustand und so wurden Kartoffelschalen zu Knäckebrot oder Rote-Rüben-Pulver zu Kakao. Auch sonst wurde gestreckt und ersetzt, was das Zeug hält. Doch dann kamen der Marschallplan – und Clemens Wilmenrod.

Ende der 1940er Jahre kündigte sich der Kalte Krieg an. Um zumindest Westdeutschland gegen die Versuchungen des Kommunismus zu wappnen, musste der Wiederaufbau vorangetrieben werden. Mit diesem Aufbau, der als Marschall-Plan in die Geschichtsbücher einging, kam nach und nach wieder Wohlstand ins Land.

Der Beginn des Wirtschaftswunders ändert nicht nur die politische, sondern auch die kulinarische Landkarte radikal. Nach Jahren des Hungers und der Entbehrung wollten die Deutschen genießen: Das Land erlebte einen wahren Kochbuch-Boom. Exotik war en vogue: Bei amerikanischen Soldaten hatte man schon Seltsamkeiten wie Dosenmais oder Kaugummi kennengelernt. Jetzt eroberte der Rest der Welt mit Pizza oder Cevapcici Deutschlands Teller.

Für den geschmacklichen Zeitgeist des Wirtschaftswunders steht vor allem ein Name: Clemens Wilmenrod. So lautete der Künstlername der erste Fernsehkochs, der zwar selbst kaum kochen konnte, dafür aber ab 1953 für zehn Jahre als Vorläufer von Johann Lafer, Tim Mälzer und Co. den Deutschen in charmantem Plauderton neue Rezepte beibrachte. Legendär ist sein Toast Hawaii, eine Kombination aus mit Käse überbackener Ananas, Schinken und Toastbrot, das auf Hawaii garantiert niemals jemand Gesicht bekommen hat.

Die Wirtschaftswunder-Küche hatte allerdings auch ihre Schattenseiten: Sie war extrem kalorienreich. Fleisch und viel Fett standen für das neue Wir-sind-wieder-wer-Gefühl. Der Mettigel, bei dem Hackfleisch für die kalte Platte mit Salzstangen oder Zwiebeln in Tierform gebracht wird, ist nur ein, freilich kurioses, Beispiel für diese Ära, die dann auch häufig mit dem unrühmlichen Titel „Fresswelle“ bezeichnet wird.

Als 1995 KüchenTreff gegründet wurde, lag diese Zeit schon lange zurück. Aus heutiger Sicht kommen uns die Ernährungsgewohnheiten der 1950er und 1960er Jahre ebenso exotisch vor wie den Nachkriegsdeutschen das Toast Hawaii. Bei der Beurteilung der Kochtopfinhalte sollte man aber immer im Hinterkopf behalten: Die Einbauküche mag 1926, 1995 oder heute ähnlich ausgesehen haben. Was in ihr gekocht wird, ist immer ein Spiegel der gesellschaftlichen Umstände der jeweiligen Zeit.

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